beobachten – verachten

Beobachten – verachten /

Des Künstlers Kampf gegen Windmühlen – Luhmannscher Bauweise/

Wieso stört es mich, von Soziologen immer wieder ihr Tun als „beobachten“ bezeichnet zu bekommen?

„Ich habe beobachtet –
Da wäre zu beobachten …
Das werde ich weiter beobachten …
Die Beobachtung hat ergeben …
Daran war zu beobachten … “

Wieso stört gerade mich der Einsatz des Wortes „beobachten“ so sehr, bin ich doch – an sich – ein Beobachter?

Immer und überall habe ich Augen und Ohren offen, alle meine Sinne, meine Haut, mein Körper in Bewegung ist aufnahme- und aktionsbereit.
Neugierig bin ich auch, suche immer nach etwas, vermute immer irgendwo etwas dahinter, gebe mich nie zufrieden.

Gerade als Maler und Zeichner habe ich gelernt zu schauen, immer wieder zu schauen und noch Mal zu schauen.

Was früher einmal die Erwartung der Erleuchtung gewesen sein muss, ist für den Künstler heute das
Hinschauen, das noch einmal hinschauen, immer wieder hinschauen.

Auch wenn alles schon gesehen wurde, schauen wir immer noch hin, um zu sehen, ob sich nicht doch noch etwas anderes zeigen könnte.

Da kann die Oberfläche noch so glatt und abstoßend sein, das Motiv noch so oft gebraucht und abgenutzt sein, es kann schon hunderte Male gezeigt worden sein, noch so langweilig sein, oder sinn-entleert, wir schauen trotzdem hin!

Auch wenn alles schon gesagt und genannt wurde, etwas muss es doch geben, das noch nicht gesehen wurde.

Auch wenn dies oder jenes noch so unwichtig erscheint, es will etwas zeigen und wenn nur seine besondere Unwichtigkeit.

Was stört mich dann so sehr an der Bezeichnung Beobachtung?

Ist das was ich, was wir als Künstler machen nicht auch beobachten, wenn wir immer wieder auf das Bild starren und uns fragen, was stimmt daran nicht, was muss geändert werden, was hervorgeholt, übermalt, zurück gedrängt werden, was kontrastierter oder weicher gehalten werden?

Jeder, der einen Maler bei seiner Tätigkeit beobachtet wundert sich, was er da macht, ist das Bild denn nicht schon längst fertig, wird er sich fragen.

Wann aber ist es für den Maler fertig?

Genau genommen: Nie!

Irgendwann ermüdet der Maler einfach, irgendwann hört der innere Fluss auf, er wird abgelenkt, oder weiß nicht mehr weiter, es besteht die Gefahr der Überformung usw..

Wenn es nicht mehr weitergeht, haben wir Maler unsere Abschlussriten zu Verfügung:
Setzten Lichter, die letzten Farbakzente, der Finis wird auftragen!

Der Schriftsteller verabschiedet sich, in dem er das Buch in Druck gibt, in dem er den Bau des Textes überprüft, Satz-Hülsen raussucht, oder ihn auf die Einheit des Stils hin betrachtet. Was immer da zu nennen wäre.

Vielleicht ist ja das aufrechterhalten der Spannung dasjenige, welches den künstlerischen Prozess unendlich verlängern möchte.

Und höchstwahrscheinlich ist es auch diese unendliche Spannung, die ich beim Gebrauch des Wortes Beobachtung vermisse?

„Da ist doch etwas“, dieses neugierige darauf schauen, es wie von innen sehen wollen, das finde ich am Beobachten gut!

Dass aber aus dem beobachten Beobachtungen hervorgehen sollen, das mag ich nicht! Das Beobachten muss Ergebnisse seiner Beobachtung vorlegen. Hat es diese nicht vorzuweisen, ist es keine Beobachten.

So klingt „beobachten“ für mich.

Die permanente Neugier gehört wohl zum beobachten, aber sie muss gezähmt sein, dem Gegenstand angemessen sein, da müssen Unterschiede, Differenzen herausgearbeitet werden, usw..

Und schon wieder sind wir beim unterscheiden, beim differenzieren!

Für den Künstler ist das Unterscheiden aber eine untergeordnete Kategorie, ist nur ein Hilfsmittel.

Unterschiede herauszuarbeiten ist nicht das Ziel seines Tuns!

Dem Künstler geht es darum, dass das Bild, die Skulptur stimmig ist! Das ist sein einziges Ziel!

Stimmigkeit, Proportionalität, Verhältnismäßigkeit der Ausdrucksmittel ist in jeder Hinsicht das Telos seines Strebens.

Wissenschaftliche Ergebnisse hingegen sind Beobachtungen und Ein-,Zuordnungen, wie diese Beobachtungen zu bewerten sind.

Hierher gehört auch die Problematik der Zirkularität von vorweggenommenen Ergebnissen, die durch die Anordnung der Beobachtung vorbestimmt werden.

Eine Problematik die sich dem Künstler so nicht stellt. Nicht einmal die Unterscheidung Neu – Alt kann ihn von seinem Ziel, Proportionalität, Harmonie zu erreichen, abhalten.

Dass der Begriff der Harmonie sein Gegenteil mit einschließt und zwar Disharmonie und ihre Verhältnismäßigkeit, versteht sich von selbst.

Sofern sind für den Künstler im Gegensatz zum Wissenschaftler Abweichungen, Widersprüche, Unwahrheiten kein Problem, sie müssen auch nicht in irgendeiner Form in das System autopoietisch er-integriert werden, sie gefährden nicht.

Gefährdung kommt nur insofern vor, als dass sie zum Stil wird, wie im Expressionismus, Existenzialismus und so weiter.

Kunst ohne Künstler geht nicht!
Während Beobachtung ohne Beobachter sehr wohl funktioniert, wie uns Statistiken, Umfragen, Wahlen zeigen.

Die Systemtheorie kommt ohne Identität und Ich aus, stattdessen kann sie nicht hinter ihre räumlichen Voraussetzungen des Innen und Außen blicken.Auf der Ebene bleibt sie dumm!

Ist der Künstler nicht der Beobachter der Beobachtung?

Nein! Beobachtung ist dem Künstler zu aktiv!
Obwohl die Spannung eine der wesentlichen Eigenschaften des Künstlers ist, steht er sehr skeptisch dem ausschließlich Aktiven gegenüber.

So tritt das Achten im be-achten in den Fokus.
Im achten ist
weder ein be-
noch ein zu –
noch ein er-
schon gar nicht das gesteigert,
aktive ver – achten
enthalten.

Ohne „Habt-Acht!“ ist das Achten dem Respekt nahe, eine nicht normierte Offenheit ohne der Masken der Beobachtung.

Achten ist eine Haltung in der eingeübt werden kann, wann und wie sie angebracht ist.

Wie Hölderlin sagt: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“

Im Zweifelsfalle steht der Künstler dem was ihm zufällt näher, als dem was er sich scheinbar schwer erarbeitet hat.

Was haben sich die Künstler nicht alles ausgedacht, gefährliche Abenteuer, Drogenkonsum, absoluter Minimalismus und vieles mehr wurde erübrigt, um dem Zufall – im Sinne des zu-fallende – zu verfallen.

Gehört hierzu nicht auch Selbst-Beobachtung? Wie sonst kann der Künstler sehen wann ihm etwas, wie zufällt?

Vielleicht haben wir ja hier den entscheidenden Unterschied zwischen Wissenschaft und Kunst?

Würde ich aktiv das Zufallende erkennen können, wäre es kein Zufall mehr, aktiv daran kann nur „das sich öffnen“ betrieben sein.

Wie die Religionen sagen: Es kann nur der Platz bereitet werden, alles andere liegt nicht mehr in der Hand des Gläubigen.

Die Bereitschaft es annehmen zu wollen, sich bereit zu halten, kann geübt und ausgebildet werden, das ist es dann aber schon!

Wie mir etwas zufällt, das kann ich nicht beobachten!

Sofern wäre die Kunst dem israelitischen Glauben näher, als dem Glauben der annimmt, der Messias sei schon erschienen.

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